Die Fortbildung „Hund im Heimat- und Sachunterricht“ war ein erster Schritt, ein Thema in die Schule zu bringen, das bislang oft verkürzt, romantisiert oder kritisch betrachtet wird. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen einen fundierten Zugang zum Thema Hund und insbesondere zum Gebrauchshundesport zu ermöglichen.
Im Gespräch mit Anna Steinmüller, Lehrerin an einem bayerischen Gymnasium und selbst im Hundesport aktiv, geht es um Erfahrungen aus der Praxis, überraschend große Resonanz aus der Community, bestehende Vorurteile und die Frage, wie Unterrichtsmaterialien so gestaltet werden können, dass sie im Schulalltag tatsächlich ankommen.
K9andSports: Die Fortbildung ist jetzt gelaufen. Was ist dein persönliches Fazit mit etwas Abstand?
Anna Steinmüller: Der Ansatz, die Thematik in die Schule zu bringen, ist absolut richtig. Kinder und Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der viele Themen stark polarisiert sind, oft ohne ausreichende fachliche Grundlage. Genau hier sollten wir ansetzen und Wissen vermitteln, das eine fundierte Meinungsbildung zum Hundesport ermöglicht.
Mit über 20 qualifizierten Teilnehmenden, die das Thema bereits vermitteln können, ist ein guter Auftakt geschaffen. Um jedoch eine breitere Wirkung zu erzielen, braucht es einen weitergedachten Ansatz, den wir nun gezielt verfolgen.
K9andSports: Gab es während oder nach der Veranstaltung Rückmeldungen, die dich besonders beschäftigt haben, egal ob positiv oder kritisch?
Anna Steinmüller: Das Interesse von Hundesportlern, Wissen über unseren Sport pädagogisch an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, ist groß, deutlich größer als erwartet. Zahlreiche Sportler, Hundetrainer und Vereinsmitglieder aus Gebrauchshundevereinen haben sich bei uns gemeldet, um mitzuwirken und zu fragen, wie sie sich als Einzelpersonen oder Trainingsgruppen einbringen können.
Das zeigt, dass wir das Potenzial unserer Community in diesem Bereich bislang unterschätzen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Auffassung, ein pädagogisch vermittelnder Ansatz bringe keinen Mehrwert, keineswegs die Mehrheitsmeinung ist.
K9andSports: Welche Inhalte haben während der Fortbildung die stärksten Diskussionen ausgelöst und warum gerade diese Themen?
Anna Steinmüller: Überraschend war vor allem der Bereich der Ausbildung von Hunden zu Therapie- und pädagogischen Begleithunden. Innerhalb der verfügbaren Angebote bei Hundeschulen bestehen teils erhebliche Unterschiede, die sich unmittelbar auf die Qualität der Arbeit und der Wissensvermittlung rund um „Hundethemen“ auswirken.
Auch das Fachwissen und die Einschätzungen zum Gebrauchshundesport variieren hier stark und sind, je nach Einzelfall, häufig von Vorurteilen geprägt.
K9andSports: Du hast bewusst auch Themen angesprochen, die im Unterricht sonst kaum vorkommen. Wo hast du gemerkt, dass bei den Lehrkräften noch echte Unsicherheiten bestehen?
Anna Steinmüller: Ich arbeite selbst als Lehrkraft an einem bayerischen Gymnasium und habe meinen Deutschen Schäferhund Crimm, den ich auch im Hundesport führe, als Schulhund ausgebildet. Bereits zu Beginn meiner Idee bin ich auf zahlreiche Vorbehalte gestoßen, sowohl von Kollegen als auch von Vorgesetzten, die sich allein auf die Rasse bezogen und häufig auf Unwissen beruhten. Vom Gebrauchshundesport ganz zu schweigen. Solche Bilder werden oft unbewusst weitergegeben.
Sich in diesem Umfeld ein fachliches Standing zu erarbeiten, war nicht immer leicht. Dabei stellte sich mir immer wieder die Frage: Wenn selbst innerhalb eines Kollegiums solche Vorurteile bestehen, wie schnell bilden sich dann Meinungen in der Öffentlichkeit, ohne dass zuvor fundierte Argumente gehört werden?
Ein großer Dank gilt an dieser Stelle meinen Kolleginnen Christina und Bettina. Gemeinsam haben wir erarbeitet, wo bei Lehrkräften konkreter Weiterbildungsbedarf zum Thema Gebrauchshund besteht. Sie haben das Projekt von Anfang an begleitet und tragen es bis heute mit.
K9andSports: Gab es Punkte, bei denen du gemerkt hast, dass du an Grenzen stößt, sei es im System Schule oder bei den Teilnehmenden selbst?
Anna Steinmüller: Die Vorurteile, die in der Gesellschaft gegenüber unserem Sport und den Gebrauchshunderassen bestehen, beeinflussen solche Projekte erheblich. Sowohl ich als auch Kerstin Bollig und Patricia Knabl, die die Fortbildung und das Projekt „Gebrauchshund im Unterricht“ maßgeblich mittragen, sehen darin jedoch keine Grenze, sondern einen klaren Ansporn. Unser Ziel ist es, weiter zu wachsen und Kinder sowie Jugendliche durch fundiertes Wissen in die Lage zu versetzen, sich eine eigene, differenzierte Meinung zu bilden.
Dass die bürokratischen Hürden im Schulsystem nicht unerheblich sind, ist bekannt. Auch wir haben dies im Rahmen der Anmeldung der Fortbildung als offizielle Veranstaltung deutlich zu spüren bekommen.
K9andSports: Hat sich aus der Fortbildung heraus schon etwas Konkretes ergeben, zum Beispiel neue Kontakte, Projektideen oder erste Umsetzungen?
Anna Steinmüller: Ja, Kerstin und ich haben aktuell ein paar HundesportlerInnen und BotschafterInnen von K9andSports „gesammelt“, um das Projekt neu zu denken und breiter zu streuen.
K9andSports: Wo siehst du aktuell die größte Hürde, dass solche Inhalte wirklich im Unterricht ankommen?
Anna Steinmüller: Die größte Hürde stellt die Bürokratie dar, der Lehrkräfte im Schulalltag ausgesetzt sind. In der öffentlichen Wahrnehmung hält sich oft das Bild, pädagogische Arbeit ende mittags und lasse viel Freiraum. Tatsächlich ist das Pensum aus Unterricht, Erziehung, Organisation und administrativen Aufgaben jedoch deutlich höher.
Umso wichtiger ist es, ein Konzept zu entwickeln, das auch Lehrkräfte ohne Bezug zum Hundesport erreicht und motiviert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, und zwar mit möglichst geringem organisatorischem Aufwand. Nicht jede Schule und nicht jede Lehrkraft hat die Möglichkeit, praktische Inhalte umzusetzen oder zusätzliche Unterrichtszeit bereitzustellen.
K9andSports: Was müsste passieren, damit solche Impulse nicht nur von einzelnen engagierten Lehrkräften abhängen, sondern breiter im System ankommen?
Anna Steinmüller: Genau hier wollen und müssen wir ansetzen und einer breiten Zielgruppe Unterrichtskonzepte zur Verfügung stellen, die leicht zugänglich und gleichzeitig praxisnah sind. Unsere Arbeitsgruppe fokussiert sich darauf, Unterrichtsmaterialien unkompliziert, fachlich fundiert sowie für Schülerinnen und Schüler abwechslungsreich und anwendungsorientiert bereitzustellen.
Dabei beschränken wir uns bewusst nicht auf den Grundschulbereich, sondern entwickeln auch Konzepte für ältere Jahrgänge bis hin zur Oberstufe. Das Thema Hund wird im Bildungskontext häufig romantisiert und zu kurz gedacht, als würde es ausschließlich jüngere Kinder ansprechen. Dieses Bild möchten wir erweitern und differenzierter gestalten.
K9andSports: Wie geht es jetzt konkret weiter. Entstehen daraus neue Formate oder Anschlussmöglichkeiten?
Anna Steinmüller: Wie beschrieben sollen ganz konkrete Konzepte und Materialien entwickelt werden, die ein niedrigschwelliges Angebot für Lehrkräfte aller Schulformen und Jahrgangsstufen darstellen. Dabei ist uns bewusst, dass Lehrkräfte, für die unser Thema bislang keine Rolle spielt, dieses nicht zusätzlich zu ihren bestehenden Belastungen umfassend aufarbeiten können.
Viele Kolleginnen und Kollegen leisten bereits hervorragende Arbeit und entwickeln ihren Unterricht kontinuierlich weiter. Ein ganzes Themenfeld jedoch eigenständig zu erschließen und didaktisch aufzubereiten, ist deutlich aufwendiger, als oft angenommen wird.
Genau deshalb braucht es Materialien, die direkt einsetzbar sind, fachlich fundiert aufbereitet wurden und zentrale Inhalte bereits integrieren. Nur so lassen sich diese sinnvoll und ohne zusätzlichen Aufwand in den Schulalltag einbinden.
K9andSports: Wenn du in ein paar Monaten nochmal darauf schaust, woran würdest du erkennen, dass die Fortbildung wirklich etwas verändert hat?
Anna Steinmüller: Als K9andSports ins Leben gerufen wurde, habe ich mich als Hundesportlerin sofort gefragt: Wie kann ich helfen? Das Imageproblem betrifft uns schließlich alle. Genau auf diese Frage wollen wir für pädagogisch interessierte Hundesportlerinnen und Hundesportler konkrete Antworten geben.
Wir möchten ihnen Wissen und Konzepte an die Hand geben, die sie vor Ort, sei es in der Schule oder im Verein, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einsetzen können. Langfristig kann erfolgreiche Aufklärung nur auf mehreren Ebenen gelingen.